Freitag, 24. November 2006

Und plötzlich ist sie weg…………

Meine Tochter als Au-pair in Paris

Seit dem 7. Oktober ist meine Tochter (19) als Au-pair-Mädchen in Paris. Man – d.h. wir, die Familie: Mama, Papa, Bruder, Hund, haben uns mental drauf vorbereitet (der Hund konnte das natürlich nicht), und je näher der Abschied rückte, desto schwerer fiel es uns, auch nur daran zu denken, sie hergeben zu müssen. Hergeben an eine Familie, die sie nicht so liebt, wie wir, die sie nicht einmal kennt!; sie herzugeben in ein fremdes Land, in dem sie sich nicht auskennt und die Sprache auch nicht perfekt beherrscht.

Wir haben sie zusammen zum Bahnhof begleitet: Mutter, Vater, Bruder, die beste Freundin, der Hund. Wir haben versucht, es ihr so leicht wie möglich zu machen. War es doch ihre Entscheidung nach Paris zu gehen, weil sie keinen Studienplatz bekommen hat. Sie sollte gehen, das Beste draus machen.

Als sie in den Zug stieg, konnte ich mich noch beherrschen, ihr zuwinken – lächelnd. Als der Zug mir davon fuhr, fühlte ich mich, als hätte er mir mit ihr einen Teil von mir aus dem Leib gerissen. Meine Güte, tat das weh!!

So gut es ging, lenkte ich mich an diesem Tag ab. Ich ging mit meinem weitaus weniger leidenden Gatten über den essener Uni-Flohmarkt, ging nachmittags mit den Nachbarinnen zum Kegeln, wo dann auch ihr erster Anruf kam, sie sei von der kompletten Familie vom Pariser Bahnhof abgeholt worden, alles sei ok. Mein Mutterherz war geheilt …. Für diesen Augenblick.

Abends trafen wir uns dann bei ICQ, kurz drauf habe ich mir Skype installiert, sodass wir stundenlang quatschen konnten. Aber so wirklich hat das nicht geholfen. Ich vermisse sie hier zu hause!! Ich will sie sehen, um mich haben, meckern hören und nörgeln, sie soll mich wieder herablassend ansehen, wenn ich ihr was Belehrendes gesagt habe, sie soll halt einfach nur wieder zu Hause sein!!! Natürlich sage ich ihr das nicht, sondern versuche eher eine neutrale Unterhaltung zu führen und mir erzählen zu lassen, wie es ihr geht und was sie so treibt.

Anfangs führte sich eines der beiden Mädchen (4 & 5) schrecklich auf, zeigte ihr wiederholt ihre Antisympathie, was natürlich das Heimweh schürte. Andererseits haben es diese Kinder, die mit ständig wechselnden Au-pair-Mädchen aufwachsen, auch nicht leicht. In unserem Fall ist meine Tochter das 6. Au-pair im Leben der Fünfjährigen!! Kein Wunder, dass sie da gar nicht erst Sympathie aufkommen lassen will. Erfahrungsgemäß verschwinden die Nunus ja immer gleich, wenn man sie lieb gewonnen hat.

Obendrein las sie auch noch von anderen Au-pairs im Internet, die die ganze Zeit über Heimweh hatten. Bei dem Gedanken, ein Jahr lang Heimweh zu haben, ging es ihr noch schlechter. Einen Freitag (freitags habe ich immer frei) haben wir fast den ganzen Tag lang Skype eingeschaltet gelassen und uns fast die ganze Zeit gegenseitig irgendwie mitgeteilt; zwischendurch habe ich gekocht & Hausarbeit gemacht, so konnte sie die gewohnten Geräusche ihrer vertrauten Umgebung hören.

Zum Glück hat mein Mädchen schnell eine deutsche Freundin mit gleichen Interessen gefunden, mit der sie ihre Freizeit gestalten konnte. Sie sind in Museen gegangen, waren shoppen, sind inzwischen Stammkunden bei McDonald’s, haben abends das Pariser Nachtleben erkundet und schnell eine Stammkneipe gefunden. Eines Abends klingelte mein Handy, ich hörte viele Stimmen und Gitarrespiel in der Ferne. „Mama, wir sind am Sacre Coeur, hier ist voll die Party, und einem Gitarrenspieler hab ich gesagt, er soll mal für Dich „Angie“ spielen. Hörst Du das, Mama??! Das ist extra für Dich!!!“ (Ich bin Rolling-Stones-Fan der ersten Stunde, mein Leben lang) Und dann hörte ich (mit sehr viel Wohlwollen) Mick Jagger’s „Angie“ – aus Paris - durch mein Handy - an mein Ohr und direkt in mein Mutterherz!! …………

Inzwischen hat sie mehrere andere Au-pairs kennen gelernt und unternimmt sehr viel mit ihnen. Sie nimmt an einem Französisch-Kurs teil, geht also sozusagen regelmäßig zur Schule, muss Hausaufgaben machen und kommt auch schon ganz gut mit der Sprache zurecht.

Es kam noch mal ein Tiefschlag, als uns ein Zulassungsbescheid der Uni Essen ins Haus flatterte. Im Losverfahren war ihr ein Studienplatz zugewiesen worden! Wie unglücklich war sie, als sie den Ablehnungsbescheid bekommen hatte!! DESWEGEN ist sie nach Paris gegangen, und jetzt DAS!!! Innerhalb einer Woche hätte sie das Studium antreten müssen, sonst würde der Bescheid unwirksam.

Es gab heiße Diskussionen, in denen sämtliche Fürs und Widers besprochen wurden. Der Hauptgrund, warum sie nach Paris gegangen war, war ja der, dass sie KEINEN Studienplatz bekommen hatte, und genau dieser Grund bestand ja nun nicht mehr. Sie HATTE einen Studienplatz und müsste innerhalb einer Woche ihren Job als Au-pair schmeißen. Gerade jetzt, wo die Kinder anfingen, sie zu mögen, sie nette Gespräche mit den Eltern führen konnte, sich in dem Haus wohl zu fühlen begann, sie liebe Freunde gefunden, also so richtig Fuß gefasst hatte, sollte sie alles abbrechen und Hals über Kopf nach Hause kommen?

Obwohl ich sie so sehr vermisste, hatte ich ein solches Ende nicht gewollt!! Sie würde todunglücklich nach Hause kommen & lieblos dieses Studium angehen, das eh schon 3 Wochen zuvor begonnen hatte. Außerdem wollte sie hauptsächlich Biologie studieren, Englisch sollte lediglich als Zweitfach dienen. Dieser Grund war dann auch ausschlaggebend, das Studium nicht anzutreten sondern in Paris zu bleiben.

Von einem Jahr Paris wird sie ihr Leben lang zehren, während ein Jahr früherer Studienantritt an der Schmuddeluni Essen später keine größere Bedeutung in ihrer Erinnerung haben wird. Ich finde, dass sie sich richtig entschieden hat.

7 Wochen ist sie nun weg. Ich habe immer gedacht, man gewöhnt sich daran. Eines Tages, wenn man weiß, dass es ihr gut geht, würde ich sie nicht mehr so vermissen; würde vielleicht sogar genießen können, etwas mehr Zeit für mich zu haben. Ok, ich habe mehr Zeit. Da mein Mann für seine Spezies äußerst ordentlich ist, unsere Tochter aber extrem unordentlich, fällt das Aufräumen quasi weg. Und da der Gatte auch noch in der firmeneigenen Kantine Essen bekommt, wird nur noch am Wochenende gekocht.

Von dieser Mehr-Zeit, über die ich jetzt verfüge, profitiert auch der Hund, der jetzt täglich bei Wind und Wetter mit Frauchen durch die Gegend laufen muss. Frauchen achtet auf die Figur….. & nichts ist besser, als tägliches schnelles Spazierengehen.

Trotz allen Schöngeredes fehlt sie überall. Letztens habe ich eine ihrer Freundinnen getroffen. Hatte sie trotz heftigen Zuwinkens überhaupt nicht erkannt, da ich auf junge Erwachsene in unserem Dorf überhaupt nicht mehr achte. Als wir über unsere ‚Pariserin’ redeten, konnte ich stolz berichten, dass ich schon seit 2 Tagen nicht mehr geheult hätte. Dies berichtete ich unter Tränen, versteht sich…….

Vor einer Woche habe ich beschlossen, sie zu besuchen. Mein Mann und ich werden am 19. Dezember nach Paris fahren, irgendwo in einer kleinen Wohnung am Montmartre wohnen und sie dann am 22. Dezember nachts mit nach Hause nehmen. Wir werden zusammen mit der ganzen kompletten Familie, Tochter, Sohn & Schwiegertochter Weihnachten feiern *freu*!!!

Und ob man es nun glaubt oder nicht – ich bin so bescheuert und habe jetzt schon Angst vor dem Abschied, der nach dem freudigen Wiedersehen unweigerlich folgen wird. Schließlich hat sie ja nur Weihnachtsurlaub! Und danach ist sie dann richtig lange weg, kommt ja erst Ende August nach Hause. Aber sicherlich werden wir noch Gelegenheit finden, sie noch einmal in Paris zu besuchen. Schließlich ist Paris meine absolute Lieblingsstadt, und auch meinen Mann konnte ich dafür begeistern. Seit vielen Jahren sind wir dem Zauber dieser Stadt verfallen und fahren immer wieder hin.

Letzten Sommer war ich mit meinem Mädchen für ein paar Tage dort, und auch sie hat sofort Feuer gefangen. Der Film „Die fabelhafte Welt der Amelie“ wurde der Lieblingsfilm der gesamten Familie, und SIE hat seitdem überlegt, was sie tun kann, um dort längere Zeit leben zu können. Jetzt weiß sie es………….
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